Europäische Skulpturenstraße des Friedens | European Sculptures Route of Peace

Fortsetzung: Leo Kornbrust - Landschafts Choreograph


Sein Thema: Der Mensch

Kernthema des Künstlers Leo Kornbrust ist der Mensch: Dessen Kopf oder Torso, dessen „Mitte“ (die vielen Skulpturen mit dem Titel „Innere Linie“ beziehen sich genau auf diese Mitte) und dessen Haltung. In diesem Sinne ist seine Arbeit gegenständlich, d.h. an Inhalte, an Sinngebungen, gebunden. Anfänglich figurativ, löst sich diese Figuration im Laufe der 60er Jahre in strengere, geometrischere Formen auf. Einmal sagte er, dass er gelernt hatte, „sich gegen die Natur zu stellen“. Hiermit bringt er zum Ausdruck, dass er sich damals seiner eigenen schöpferischen Kräfte bewusst geworden ist, und er sich seitdem auf das für ihn Wesentliche konzentrieren kann. Gleichzeitig fand noch ein weiteres Umdenken statt. Ursprünglich modellierte Leo Kornbrust in Ton oder Gips, später aber arbeitete er zunehmend direkt mit dem Stein – aus Plastiken wurden Skulpturen.

Parallel zu den konstruktiven Arbeiten kristallisierte sich in den 70er Jahren ein zweiter Schwerpunkt heraus, den der Künstler selbst als „den organischen Bereich“ bezeichnete. Das sanfte Auf- und Abschwellen der weichen, runden Formen suggeriert Bewegung, und wirkt so in einem hohen Maße assoziativ. Leo Kornbrust selbst nennt diese Skulpturen etwas ironisch seine „Gurken“ oder „Raviolis“. Auffällig ist, dass sich die beiden Werkgruppen in jüngster Zeit allmählich aufeinander zu bewegen. Während die „Inneren Linien“ wellenartig zu schwingen beginnen, die Konstruktion dieser Arbeiten insgesamt organischer wird, erscheinen in den weichen und fließenden organischen Formen harte Kanten, Ecken und Grate – eine innere Struktur bricht durch. Auch die strengen „Siebenecken“ werden mitunter zu einer Säule gestapelt und drehen sich hierbei um ihre eigene Achse - wie dies bei der Skulptur vor dem Gebäude der Union Krankenversicherung AG, Saarbrücken, sichtbar wird.


Skulptur und Schrift

Einen besonderen Stellenwert haben Leo Kornbrusts Schrift-Skulpturen, die seit Anfang der 70er Jahre entstehen. Er hat er mit seiner Frau Felicitas Frischmuth in ihrer langen Lebensgemeinschaft auch auf künstlerischer Ebene eine Form der Zusammenarbeit gefunden, indem sie Skulptur und Poesie, Stein und Schrift vereinen. Sind die Druckbuchstaben auf der ersten „gemeinsamen“ Säule, die vor dem Rathaus im saarländischen St. Ingbert steht, noch eingemeißelt, so wird die Schrift später zur Schreibschrift, d.h. sie ist entweder sandgestrahlt, oder, vor allem bei den kleinen Skulpturen, mit einem sogenannten Vidia-Griffel (ein kleiner Druckluftmeißel, mit dem man relativ fließend, wie mit einem Kugelschreiber, schreiben kann) direkt in den Stein geschrieben.

Zwischen den Jahren 1978 und 1994 war Leo Kornbrust Professor für „Bildhauerei in Verbindung mit Architektur“ an der Akademie der Bildenden Künste in München. Die Formulierung seines Lehrbereichs verdeutlicht, wie wichtig ihm die Beziehung zwischen Kunst und baulichem Umfeld ist. Viele seiner Großskulpturen konzipierte er für den öffentlichen Raum, darüber hinaus gestaltete er auch Fußgängerzonen. Doch heute stimmt ihn die Erfahrung nachdenklich, dass Kunstwerke in den Städten oft ihren Standort wechseln müssen, manchmal auch entfernt oder gar zerstört werden.

 

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Die Straße des Friedens

Wenn man Leo Kornbrust „an der Damra“ besucht, bei schönem Wetter vor dem Haus sitzt, mit Blick auf den höchsten saarländischen Berg, den Schaumberg (Leo Kornbrust nennt ihn den „saarländischen Fujiyama“), kommt mit Sicherheit auch die „Skulpturenstraße“ zur Sprache.

Die Idee, Bildhauer aus verschiedenen Ländern für eine bestimmte Zeit zur gemeinsamen Arbeit an einen Ort zusammenzubringen, entstand Ende der 50er Jahre. 1959 initiierte der Bildhauer Karl Prantl das erste „Symposion“ in Österreich. Zwölf Jahre später tat Leo Kornbrust im Saarland das Gleiche. Er lud elf Künstler aus vier Ländern ein, und im darauffolgenden Jahr wurde die Aktion mit drei weiteren Künstlern fortgesetzt.

Als sich 1973 bei Baggerarbeiten in St. Wendel riesige Sandsteinblöcke aus einer Felswand lösten, reifte in Leo Kornbrust die Idee, diese entlang des Saarländischen Rundwanderweges zu setzen und von Künstlern aus aller Welt bearbeiten zu lassen. Die Idee einer Skulpturenstraße war geboren! Später arbeiteten Künstler auch mit anderen Materialien an selbst gewählten Standorten entlang des Wanderweges.

In diesem Zusammenhang spricht Leo Kornbrust von der „Choreografie der Skulptur in der Landschaft“: Wie ein Choreograf arbeitet er mit den Künstlern zusammen und legt Wert darauf, dass das Gesamtkunstwerk an sich stimmig bleibt. Die einzelnen Künstler wählen den Ort selbst, an dem sie arbeiten wollen, reflektieren dabei die Landschaft und, so wie Leo Kornbrust es sagt, finden deren Geist – den Genius Loci – ein bekanntes Phänomen, das besagt, dass bestimmte Orte auch eine besondere Ausstrahlung haben. So wird z.B. eine Kirche oft genau an einen alten, heiligen Ort errichtet. Leo Kornbrust und sein saarländischer Bildhauer-Kollege Paul Schneider stießen so bei ihrer Suche nach geeigneten Standorten auf römische Gräber und eine alte Kapelle bei Gehweiler. Der Künstler James Reineking fand seinerseits den mittelalterlichen Galgenplatz (das Hohe Gericht) von St. Wendel.

Die Straße der Skulpturen in St. Wendel wurde dem von den Nazis, vermutlich im KZ in Lublin/Maidanek, ermordeten jüdischen Bildhauer und Maler Otto Freundlich gewidmet, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Jeanne Kosnick Kloss, bereits Mitte der 1930er Jahren die Idee einer völker verbindenden Skulpturenstraße entwickelte. 1959 präzisierte Jeanne Kosnick Kloss diese Idee, indem sie den Verlauf der Straße vorgab: von der normannischen Küste bis nach Russland sollte sie verlaufen. Vor zwei Jahren wurde ein Verein gegründet, mit dem Ziel, diese Idee in die Tat umzusetzen. Leo Kornbrust wurde Vorsitzender des Vereins. Die europäische Dimension der Straße der Skulpturen – die Straße des Friedens – ist die Bestätigung seines Lebenswerkes.

„An der Damra“ ist es nun dämmrig geworden. Der „Fuji“ ist fast nicht mehr zu sehen. Man begibt sich ins Haus und verbringt den weiteren Abend mit Essen oder einem Gläschen luxemburgischen Elbling. Oder man fährt nach Hause und spürt, dass noch lange nicht alles gesagt ist.

 

von: Cornelieke Lagerwaard



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